Die Milch ist ein schönes Produkt, gemacht durch ein Tier, das eine sehr besondere Kunst meistert: Die Kuh setzt pflanzliche Eiweiße, etwa aus Gras gewonnen, in tierische Eiweiße um, so daß der Mensch, der diese Kunst bekanntermaßen nicht beherrscht, über Bauer und Kuh bequem-einfach seinen Eiweißvorrat auffüllen.

Die Kuh vollführt diese Kunststückchen nicht, was gemeinhin vielleicht gedacht, für den Bauern, nein – sondern für ihr Kalb. In der modernistischen Milchviehhaltung ist dieses alsdann ausgetauscht gegen eine Melkmaschine. Zweimal, bei Melkroboter-Gebrauch bis zu drei- oder viermal am Tag läßt die Kuh sich duldsam leeren. Es geht dem Bauern dabei nicht, was gemeinhin vielleicht gedacht, allein um die Milch selbst. Denn Milch ist quasi weißes Wasser, das pro Kilo verkauft wird. Der Preis wird bemessen an der Höhe des Gehalts von Fett und Eiweiß pro Kilo Milch, klar: je höher der Gehalt umso höher der Preis. Dabei bringt Eiweiß fast 40% mehr als Fett. Es geht in der Milchviehhaltung also v.a. um die Eiweißprocente pro Kilo Milch.

Im Normalfall ißt eine Kuh sommers und winters Heu, denn dann tragen die Wiesen kein Gras. Und ohne Gras keine Milch: denn durch eine Heudiät fällt eine Kuh trocken. Wogegen die Kuh im übrigen keine, der Bauer aber umso mehr Beschwerde hat. Ein Milchviehhalter so viel und oft als möglich an den dreihundertfünfundsechzig Tagen des Jahres melken, melken, melken usw.
Um die Kuh auch im Winter nutzen zu können wurde in den fünfziger Jahren Silierzusatzstoffe erfunden. Früher wurde ein Teil des Sommergrases gemäht, getrocknet und für den Winter zu Heuballen gepresst. Für Silierzusatzstoffe wird das Gras ebenfalls gemäht, aber bevor die Sonne es zu Heu getrocknet hat, ist es zu einem Haufen aufgehäuft. Daher heißt es agrarwissenschaftlich ‚Gruben’-Futter. Da wird der Haufen frischen Grases mit Plastik bedeckt und sodurch luftdicht abgeschlossen. Auf diese Manier verlieren sich nicht, so als wie bei Heu, die meisten Nährstoffe aus dem Gras. Das Grubengras, d. h. die Silage kann frisches Gras nicht toppen, aber in Kombination mit Kraftfutter ist es doch noch genug nährstoffreich, um die Milchproduktion noch in Gang zu halten.

Die Fabriken, die die Milch für die Bauern produzieren, wollen gerne das ganze Jahr über eine Zufuhr des Grundstoffes, aber trotz der Erfindung von Silage geht die Milchanfuhr im Herbst und im Winter zurück. Um die Bauern zu motivieren, in der schwierigen Periode Milch zu produzieren, bezahlt die Milchfabrik einen höheren Preis für Winter- als denn für Sommermilch. Aber im Sektor gingen Voorläufer auf die Suche nach anderem eiweißreichen Futter als Silage. Da wurde bald etwas gefunden, im Abfall der Kartoffelindustrie die Kartoffelpülpen und in den Bierbrauereien die Biertreber. Später kamen Klärschlamm, Betriebsabfall und Teile von Schlachtabfall verstopft in Futterbrocken hinzu.

Es bleibt ein biologisches Mirakel, wie ein Kuh imstand ist aus dieser sauerriechenden Halbbrühe, die der Silage zugeführt wird, Milch zu machen. Der Konsument fand es allerlängst bestens. Nicht nur blieben so die Supermarkt-Regale das ganze Jahr vollgefüllt mit relativ billigen Milchprodukten, auch das Bier blieb bezahlbar. Wenn die Bierbrauereien und die Kartoffelindustrie den gängigen Müllentsorgungspreis für ihre Restbestände zahlen müßten, würde Pils-Bier ein Reiche-Leute-Drink, und ist eine Pommes-Weltkrieg nur bezahlbar für einen Wohlgestellten.

Auf der Jagd nach Milch d. i. Eiweiß ist ja nichts zu toll. Das Umsetzen pflanzlichen Eiweißes nach tierischem kostet die Kuh Zeit und Energie. Die Energie geht wiederum auf Kosten der Eiweissproduktion. Als denn Kraftfutter, worin Knochenmehl von Schafen und Schlachtabfall anderer Tiere verarbeitet, auf den Markt kam, und die Kühe es zu mögen schienen, da fand dieß Kraftfutter reißenden Absatz. Als Abfall war es relativ billig; und produktiv, weil es schon tierisches Eiweiß enthält, das ohne Wiederkäuen gradewegs vom Kuhmagen in die Euter gelangt. Das besondere Kuh-Kunststückchen war der Milchviehhaltern nicht besonders genug, und deshalb kriegten die Kühe einen Trog voll Tierabfall vorgesetzt, wodurch nicht nur die Eiweißproduktion hochschoss, sondern zugleich, mittelbar und im stillen, aus Vegetariern Carnivoren gemacht wurde.

Kein Wunder, dass die Kühe verrückt werden. Doch ist der Name, der dieser Erscheinung vergeben wird: Rinderwahn, irreführend. Das Wahnsinnige am Rinderwahnsinn ist nicht zu finden bei den krank-wahnsinnigen Schafen oder Kühen. Der wahre Rinderwahn sitzt zwischen den Ohren von den Produzenten, die aus ihrem Viehbestand einen Maschinenpark gemacht haben. Da nichts in den Weg gelegt seitens des Konsumenten, der nur interessiert scheint am Preis des angebotenen Produkts.

Den Preis niederig zu halten musste die Produktivität weiter hoch. Früher hatte jeder Bauer seinen eigenen Stier, um die Kühe zu befruchten. Durch all die verschiedenen Stiere wurde die genetische Vielfalt und damit der genetische Schutz der Art gesichert. Die Stiere sind verschwunden, denn die Bäuerin arbeitet nun mit künstlicher Befruchtung. So hat das niederländische Rindfleischangebot, übertrieben gesagt, nur noch ein paar Väter. Der unterdessen gestorbene Stier „Sonnen Junge“ und seine Brüder. Sie sind die wichtigsten Lieferanten der Spermabanken, von denen die Bauern kaufen und dann befruchten.

Auf der Mütterseite läuft der gleiche Proces von genetischer Verengung. Die produktivsten Kühe werden nicht nur gemolken, ihre Eierstöcke werden monatlich leergeschüttelt und auf einem Schälchen befruchtet mit Sperma vom Sonnenjungen und Co. Der daraus entstehende Embryo wird daraufhin einer wenigproduktiven Kuh eingesetzt. Und da kennt der Bauer nun auch eine sehr besonderes Künststückchen: wenigproduktive Kühe doch hochproduktive Nachkömmlinge bekommen zu lassen. Die agrartechnologischen Hochstände bedeuten gezwungenen Inzest, der nach einer hohen Produktivität auch zu extremer Verletzlichkeit der Art führen kann.

Niederländische Milchviehhalter beschauen sich selbst als die besten Bauern der Welt. Und die Statistiken scheinen ihnen rechtzugeben. Da ist denn kein Land auf der Welt, wo auf so wenig Quadratmetern Gras so viel Milch produziert wird. Das ist grade das Problem. Die Diät einer niederländischen Kuh besteht den Großteil des Jahrs v.a. aus zweitklassigem Gras, angefüllt mit den meist merkwürdigen Abfällen. Alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, wird zu Viehfutter verarbeitet. So ist niederländische Milch ein großteils auf Abfall basierendes Produkt geworden.

Daraus wird alles und noch was mehr gemacht. Frischmilch z. B. Frisch?
Nachdem die Melkmaschine gemolken hat, wird die Milch im Betrieb gelagert in einem Tank. Nach zwei Tagen kommt schon ein großer Tankwagen der Milchfabrik zur Abholung vorbei. Mindestens die Hälfte der Milch ist also schon Tage älter, bevor sie den Bauernhof verläßt. Bei der Milchfabrik wird die Milch in große Lagertanks umgefüllt, wo sie mindestens noch einen Tag bleibt. Ein bißchen Fabrik, en die Milchprodukte-Fabrik ist keine Ausnahme, arbeitet mit Grundstoffvorräten. Die sogenannte tagfrische Milch is dann schon mindestens drei Tage alt, befindet sich aber noch nicht in der Packung. Das geschieht im günstigsten Falle den folgenden Tag, alsdann die Packungen über ein Logistic-Center letztendlich am frühesten am Tag fünf nach dem Melken in den Supermarkt-Regalen ihren Platz gefunden haben.

Über Käse gibt es genauso große Missverständnisse. Niederländische Milchviehhalter beschauen das Produkt als ein unvergleichliches Kunststückchen. Doch Käse, und sicher auch der niederländische Käse, die etwa mit den Namen Gouda und Edammer auf den Markt kommen, ihn zu verkaufen, ist nichts als eine simple Manier, um Milch zu sparen. Das Kunststückchen ist schon lange kein allein niederländisches mehr. Es wird überall auf der Welt abgeliefert. Die größte Käsefabrik der Welt steht nicht in den Niederlanden, sondern in Lichfield, Neuseeland. Dort rollen in einem schwindelerregenden Tempo Käse aller Sorten und Maße vom laufenden Band, auch Gouda und Edammer.

Niederländische Käsekenner verschmähen Produkte Neuseelands. Sie finden es Kaugummi, und zudem habe es einen fremden Geschmack. Der fremde Geschmack ist der von Gras. Neuseeländische, australische, Irische, Französische, Spanische und in zunehmender Zahl amerikanische Kühe essen freilich auschließlich Gras; nicht nur die eine Fuballfeld-Variante, die in den Niederlanden für Kühe gemäht wird; sondern echtes Gras, verschiedene Sorten; hier und da auch eine Butter-, Pusteblume oder andere Pflanzen. Auch Unkraut. Aber v.a.: all das essen sie frisch.

Das natürliche Basisprodukt überträgt an viele ausländische Gouda und Edammer den Geschmack, die die niederländischen Käse mit der Zeit verloren hat. Wir finden den Käse des Auslands eklig, weil er Geschmack hat.