Die Zahl der Bauern hat die letzten zwei Jahrzehnte langsam aber sicher abgenommen um etwa zwei Prozent pro Jahr. Und dieser Prozentsatz hat die letzten fünf Jahre bloß noch zugenommen/ Einerseits entschlossen sich mehr Bauern als vorher um eben doch zu emigrieren, anderseits haben sich mehr Bauern verfrüht pensionieren lassen.

Die übrig gebliebenen sind nicht zu beneiden und stehen vor einer unmöglichen Wahl. Das holländische Agrargewerbe könnte man in drei Kategorien verteilen.
Wenn wir die Standesleiter diese Gewerbes betrachten, findet man die großen Landwirte ganz obenan. Das sind die Bauern die so an die hundert fünfzig Kühe oder mehr besitzen.
Danach folgt dann eine ganze Weile gar nichts und dann trifft man auf die ‘Bauerchen’: Milchkuhhalter die an die dreißig bis fünfzig Kühe haben, und dann daneben noch einen anderen Job. Diese ‘Halbtagsbauern' werden allerdings in diesem Gewerbezweig nicht ganz für voll angesehen.

Und dann gibt es noch die Bauern die den Versuch machen die ursprüngliche Landwirtschaft wieder zu betreiben. Sie betreiben ihr Gewerbe wie es ursprünglich gedacht war: gemischt. Ein wenig Viehaltung und ein wenig Ackerbau. Wobei der eine Gewerbezweig haargenau dem anderen anschließt. Sie sind nach Ansicht ihrer Gewerbekollegen die wirklichen Versager: sie sind weder Fisch noch Fleisch.

Das Holländische Agrargewerbe bereitet sich vor auf eine neue Diskussion über die Zukunft der Bauernschaft. Die europäische Agrarpolitik braucht eine dringende Reform und wäre es nur darum, die Zukunft einigermaßen bezahlbar zu halten.

Es gibt immer noch Verhandlungen über eine weitere Liberalisierung des Welthandels. Um jedoch eine echte Liberalisierung zu ermöglichen ist, eine weitere Einschränkung der Unterstützung der europäischen Bauern unvermeidlich.

Abgesehen davon spielt auch der Zutritt neuer mittel- und osteuropäischer Länder einer Rolle.
Wenn auch diese Bauern dort nach dem heutigen ZuschußSystem unterstützt werden müssten, wäre die europäische Kasse schnell leer, und das über Jahre hinweg.
Also bekommen die Bauern in den neuen Mitgliedsstaaten viel weniger finanzielle Unterstützung als ihre Kollegen im ’alten’ Europa.
Das Argument, womit diese Diskriminierung gerechtfertigt wird, lautet: ’Vor dem Zutritt bekamen sie ja auch keinen Zuschuss – wieso sollten die ihn jetzt plötzlich bekommen?’

Die Landwirtschaft kostet den europäischen Steuerzahler im Moment 45 Milliarden Euro pro Jahr.
Übrigens wie unser Flugzeug-Nationalstolz Fokker damals finanziell am Rande der Abgrundes stand, bekam diese Firma einen Massenkredit von 7 Millionen Euro pro Tag. Der damalige Wirtschaftsminister Hans Wijers fand, angesichts der Kosten und der Aussichten der Firma, einen Monat mehr als genug.
Die holländische Milchwirtschaft aber bekam im selben Jahr, in Form von Export-Rückständen 800 Millionen Euro an Zuschüssen auf ihr Bankkonto. Das sind mehr als 2 Millionen Euro täglich. Der ZuschußStrom fließt jetzt bereits seit Jahrzehnten und setzt sich in leicht angepasster Form immer weiter fort.

Und so malte sich der Fokker-Vorstandsvorsitzende, wenn ihm das Essen schwer im Magen lag, oft milchgebende Flugzeuge aus, während die Bauern sich glücklich schätzten, dass Kühe nicht fliegen können.

Trotzdem befindet sich die holländische Milchwirtschaft langsam aber sicher einem Sturzflug, der einmal sehr hart enden wird.

Die Zuschüsse wodurch die Milchpreise für die europäischen Bauern künstlich hoch gehalten werden, werden immer weiter herab sinken müssen, bis ein Niveau erreicht, ist wobei die europäische Preis und der Weltmarktpreis miteinander im Einklang sind. Dieses neue Gleichgewicht liegt jedoch, weit unter dem holländischen Kostenbetrag.
Als Entschädigung für die dahinschwindenden Preiszuschüsse wird es jetzt Einkommenszuschüsse geben, so wie es diese bereits für die Getreidebauern gab. Um für solche Einkommenszuschüsse in Frage zu kommen, werden die Bauern nachher eine Gegenleistung bringen müssen in Form von Landschafts- und Naturverwaltung.
Aber auch hier ziehen die Milchkuhhalter den Kürzeren. Die sündhaft teueren Flurbereinigungen, die nötig waren um die Produktion pro Hektar so weit wie möglich hoch zu schrauben, haben große Teile des Landes umgeändert in weitlaüfige Grasfabrik-Einöden. Die sich windenden Flüßchen, die mit ihren Kopfweiden einstmals dem Fortschritt im Wege zu stehen schienen, sind jetzt plötzlich Gold wert.

Die Möglichkeiten, um durch eine Produktionsstegerung die anfallenden Preissenkungen auszogleichen, sind für die holländische Milchwirtschaft so gut wie unmöglich. Für die europäischen Milchviehalter gilt jetzt sogar eine Produktionseinschränkung.
Die hat nichts zu tun mit der Abstimmung des Angebot auf die Nachfrage, sondern ist vor allen Dingen dazu da, um die Unkosten als Ausgleich für den Preisunterschied zwischen dem europäischen Milchpreis und dem Weltmarktpreis in der Hand zu halten. Je mehr diese zwei Preise jedoch miteinander in Einklang kommen,!!! desto weniger hat eine Produktions-Einschränkung noch Zweck. Aber das Freigeben der Produktion, was unwiderruflich geschehen wird, wird dem holländischen Milchviehalter auch nicht weiterhelfen.

Es ist ein Leichtes um auf ein Hektar Land hundert Kühe zu halten, Viehfutter gibt es ja überall. Aber außer Milch produziert ein Kuhhalt auch Mist, und es wäre unmöglich, den Mist von hundert Kühen auf einem Hektar Land nach den Regeln der Mistentsorgungsvorschriften regelgemäß zu entsorgen. Holland ist, nach den europäischen Umweltmaßstäben, einfach zu klein für eine erhebliche Produktionssteigerung.

Diese Umweltklippe könnte mit dem Gebrauch von Hormonen im Viefutter umschifft werden. Der Einsatz des BST-Hormon erzeugt eine Produktionssteigerung um beinah15%, ohne daß die Mistproduktion erheblich zunimmt. Aber auch diese Zuflucht ist unrealistisch. In Europa ist die Verwendung van BST nicht erlaubt. Und sogar wenn es verwendet werden dürfte, würde es wenig helfen. Der Prozeß ist zwar langsam, aber immer mehr Verbraucher lehnen den Einsatz derartiger Hilfsmittel in der Nahrungserzeugung ab.

Das Gewerbe gedenkt jetzt diesen Einschränkungen entgegenwirken zu können mit einer weiteren Unternehmungsvergrößerung um die Kosten zu reduzieren.

Manche Vorarbeiter nehmen an, daß in diesem Prozeß schätzungsweise weniger als die Hälfte der jetzigen 35.000 Milchviehhalter übrigbleiben wird. Falls dieser Prozeß überhaupt in Wirkung tritt.
Denn eine weitere Unternehmensvergrößerung, die zu riesigen Landwirtschaften führen müßte, die mit Hilfe von Melkanlagen und einem computergesteuerten Futtersystem einem Unternehmer ermöglichen sollte an die 300 Kühe zu halten, wäre technisch gesehen kaum möglich.
Aber es würde zugleich auch noch eine weitere Vereinödung des Landes zur Folge haben: endlose Grastundren, mit weit in der Ferne links und rechts vereinzelten Bauernhof, umgeben von einem Gehege aus aussichtverderbenden Windmühlen, denn von Wind kann man ja heutzutage leben.

Dies alles scheint ein logisches Drehbuch zu sein, um die Probleme zu lösen, aber das ist es nicht.

Die verschiedenen Gewerbszweige im Hauptagrargewerbe werden durch die vorgenommene Umstrukturierung und Sanierung nicht gestärkt, sondern eher geschwächt. Nicht durch hypermoderne Riesenlandwirtschaften haben jene eine Zukunft, sondern die Kleinbetriebe, die man wegsanieren will.

Bis vor kurzem haben die Unternehemer aus den betroffenen Gewerbszweigen die Schweinehalter und Gemüsebauern trotz aller Krisen noch ruhig schlafen können. Sie wissen ja wie kein anderer wie man auf dem Schweinrhythmus und Tomatentango mitzutanzen hat.

Hohe Preise für ein bestimmtes Produkt haben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Collegen die einmal dasselbe ausprobieren möchten. Die Folge ist dann eine Überproduktion mit der damit verbundenen unvermeidlichen Preissenkung.

Diese niedrigen Preise sorgten in der Vergangenheit für einen natürlichen Ausfall der schwächsten Konkurrenten. Die besseren Bauern uns Gemüsegärtner schalteten einfach auf eine höhere Produktionsbeschleunigung um, und konkurrierten ihre schwächeren Kollegen úberall auf der Welt einfach weg auf Grund der Kosten.
Das Gleichgewicht stellte sich wieder her, der Preis stieg wieder an, aber während dieses Prozeß waren wieder einige Konkurenten ausgeschaltet.
Das war eine eiserne Regel, wodurch das Agrargewerbe nicht nur bis jetzt jeder Krise trotzen konnte, sondern auch jeweils stärker daraus hervorging.

Dieses sturmerprobte Mittel will das Gewerbe auch jetzt wieder einsetzen. Allerding mit diesem Unterschied, daß der ehemahls natürlich verlaufenden Sanierung jetzt nachgeholfen werden muß, da man keine Zeit zu verlieren hat.

In der Massentierhaltung wird ähnliches geschehen. Nur werden dort die Mistentsorgungspläne benutzt, um das Gewerbe zu modernisieren. Die mehr als 700 Millionen Euro, die zur Ausführung der Mistverordnung ausgegeben worden sind, werden vor aller Dingen verwendet werden für eine weitere Unternehmungsvergrößerung.

Die Begründung dafür lautet, daß in den größeren Landwirtschaften,!!! die technisch viel besser ausgerüstet sind, der Mistüberschuß geringer ist als in den kleinen, veralteten Betrieben.
´Laßt die kleinen Betriebe verschwinden, vergrößert uns, verstärkt die besseren Landwirtschaften und das Mistproblem wird sich von selber lösen. Außerdem hat diese Methode als günstige Nebenwirkung vorzuweisen, daß die Übriggebliebenen eine viel bessere Ausgangsposition auf dem sowieso schon überfüllten Markt haben.

Aber dieses früher so sturmerprobte Mittel ist jetzt ausgewirkt.

Die holländische Landwirtschaft dankte bis vor kurzem ihre eisenstarke Position der Kombination von Sachkundigkeit, eigener Arbeit und eigenen Kapitaleinlagen.
Die Sachkundigkeit wurde dazu benutzt, um durch Spezialisierung die Kosten der Produkteinheit zu verringern. Die Entschädigung für die eigene Arbeit und die Kapitaleinlage bildeten den variabelen Abschlußposten, wodurch die Gewinn- und Verlustrechnung auch in schlechten Jahren positiv abgeschlossen werden konnte.
Wenn es in einem bestimmten Jahr schlechter ging, stellte sich der Landwirt oder der Gemüsebauer zufrieden mit einer geringeren Entschädigung und glich den Unterschied statt dessen einfach mit seinem Sparkonto aus.

Mit einer Unternehmensvergrößerung sind zwar weitere finanzielle Vorteile zu gewinnen, aber diese selbe Unternehmensvergrößerung macht die Landwirtschaft auch außergewöhnlich verletzlich.

Große Landwirtschaften brauchen verhältnismäßig viel fremdes Kapital und fremde Arbeit. Dadurch werden die strategisch einsetzbaren immer wechselnden Spesen jetzt zum festen Kostenpunt. Aber ein Angestellter, der weniger bekommt als das vereinbarte Gehalt, schlägt Krawall und verschwindet. Ein Darlehensnehmer, der seine Rente und seinen Tilgungsbetrag nicht bekommt, macht nach einiger Zeit dasselbe.
Diese Tendenz kann schon jetzt beobeachtet werden in den Inseratspalten der Fachpresse, worin Schweinehaltereien und Gemüsegärtnereien feilgeboten werden.
Während es hier früher vor allen Dingen unbedeutende Kleinbetriebe betraf -  Kleinbauern und Kleingärtnereien – hat der Agrarmakler jetzt in zunehmendem Maße große Landwirtschaften im Angebot.

Und es gibt noch einen Grund warum eine weitere Unternehmensvergrößerung der Hauptlandwirtschaften das Gewerbe wie einen Hammer treffen wird.
Eine Unternehmensvergrößerung führt zu einer Produktionssteigerung derselben Ware, zu geringeren Kosten. Aber die immer verwöhnteren Eurokonsumenten sind immer weniger interessiert an ´mehr vom Selben´. Sie wollen keine Kontinuität sondern Abwechslung. Sie fordern extra, daß das Angebot so natürlich als wie möglich produziert worden ist.
Die holländische Landwirtschaft kann schon jetzt diesem letzten und immer wichtiger werdenden Verbraucherwunsch nicht mehr beikommen. Denn das Gewerbe produziert als Frucht der Produktionsteigerung auf industrielle Weise. Mit einer Unternehmensvergrößerung wird das nur noch schlimmer werden und somit erwirkt das Gewerbe gerade das Gegenteil vom Erzielten.

Übrigens wird die ländliche Landschaft, die sowieso nur noch wenig Abwechslungsreiches zu bieten hatte, mit den Entstehen dieder Riesenlandwirtschaften auch noch seine letzte Abwechslungsreichheit verlieren.

Aber er sind gerade die sogenannten unscheinbaren Betriebe, worauf die ´dicken´ Landwirte und die Groß-Gemüsebauern so geringschätzig nieder schauen, die die Zukunft besitzen.
Unbehindert von astronomischen festen Finanzierungs- und Personalskosten, schaffen die es, sich stöhnend und ächzend durch jede finanzielle Krise zu schleppen.

Der Kleinbauer hält seine Schweine noch in zugigen Ställen ohne Betonböden oder andere Sachen, die dazu da sind um es dem Unternehmer so leicht wie möglich zu machen. Außerdem möchte sich ein Schwein im Schlamm wälzen können. Und dazu möchte es Kartoffelschalen, altes Brot, und als Nachtisch Suppe- und Breireste, am liebsten alles gemischt.

Hör nur wie sie grunzen!

Der Kleingemüsebauer arbeitet nicht mit Modernitäten wie computergesteuerter Zucht auf Glaswolldecken worauf die Pflanzen an eine Wassertropfeninfusion angeschlossen sind.
Die Kleingemüsebauern haben im Gegensatz zu ihren fortgeschrittenen Kollegen noch richtig schwarze Fingernägel. Daran kann man sie noch erkennen, da sie noch mit ihren eigenen Fingern die Löcher für die Pflanzen graben.

Schmecken Sie den Unterschied?

Gerade weil der Kleingemüsebauer Seine Produkte noch in der Erde zieht, ist er zur Abwechslung gezwungen. Denn wer zulange dasselbe anbaut auf demselben Boden, wird von der Natur mit allerlei Bodenkrankheiten bestraft, die die Produktion und die Qualität nachteilig beeinflussen.
Bis vor kurzem hat man diese zu bekämpfen versucht mit einer großen Auswahl an Bekämpfungsmitteln. Die meisten davon sind heutzutage verboten oder sind wirkungslos geworden.
Und so hat sich der Kreis wieder geschlossen: Fruchtabwechslung so wie man das früher machte, noch nicht einmal so lange her. Das eine Jahr Tomaten und das nächste Jahr Gurken. Und um Preisrisiken zu vermeiden am besten von allem ein bißchen; also auch Salat, Blumenkohl, Spinat und Endivien.
Für alle Sicherheit auch noch zwei Gewächshäuser voll Trauben, und um auch das Risiko wieder zu vermeiden noch Pflaumen und Pfirsiche dazu. Bitte sehr: neun verschieden Gewächse, alle im Handbereich.

Wenn das keine Sachkundigkeit ist!

Der altmodische Gemüsebauer oder Schweinehalter mag paradoxal genug unbedeutend erscheinen, aber eigentlich ist er sogar moderner als sein großartiger, spezialisierter und gänzlich modern ausgerüsteter Kollege.
Denn ihre Art zu produzieren entspricht vollkommen dem Idealbild einer immer größer werdenden Gruppe von Verbrauchern über verantwortungsvolle Agrarerzeugung hat.
Und diese Gruppe ist bereit dafür zu zahlen. Aber die Kleinbauerchen müssen trotzdem verschwinden im Namen des Fortschrittes.

Und somit saniert das Agrargewerbe seine eigene Zukunft weg.