Im Sommer sieht man hier und dort noch Kühe auf der Weide. Aber dieses Bild verschwindet langsam. Es ist für den Bauern nämlich viel einfacher und billiger, seine Kühe im Stall zu lassen. Eine Kuh auf der Weide kostet Geld. Außerdem frisst sie für sechs: Mit der Zunge mahlen Kühe das Gras in den Magen und mit ihren Pfoten trampeln sie zugleich auf 4 Portionen Gras rum. Die Exkremente der Kuh machen das Gras unbrauchbar für die Verwendung durch andere Kühe.
Das Laufen über die Weide kostet außerdem Energie. Doch dafür füttert der Bauer seine Kuh nicht: die Kuh soll ihre Energie nur darauf verwenden, Milch zu produzieren. Also ist es viel kostengünstiger, die Kuh im Stall und den Bauer das Gras mähen zu lassen.  Das gemähte Gras bringt er dann den Kühen, die im Stall stehen - oder liegen, das ist noch kostengünstiger.
Und so verschwinden Kühe langsam aus der Landschaft und verbringen den Großteil Ihres Lebens in Ställen, wo sie zum Nichtstun gezwungen werden.
Daß Kühe im Sommer noch draußen auf der Weide stehen, ist vor allem gut für das Imago der Landwirtschaft. Denn das grüne, gesunde Bild vom Landleben hat in den letzten Jahren viel gelitten. Das fing in den 80er Jahren an. Damals wurden die Westländischen Gärtner vom deutschen Verbraucher angefallen, weil sie keine Tomaten, sondern so genannte ‚Wasserbomben' produzierten. Kein schmackhafter ‚Liebesapfel', wie die Tomate früher genannt wurde, sondern rote Wasserblasen.
Danach gab es den BSE-Skandal. Und die Schweinepest kurz danach war dann der totale Umbruch. Die Bilder der Kadaver, die auf die großen Frachtautos geladen wurden als ob es Strohballen waren, sorgten dafür, dass der niederländische Konsument Zweifel an der Landwirtschaft bekam.
Aber der Verbraucher hat ein Kurzeitgedächtnis und im Supermarkt wurde vor allem in den Geldbeutel geschaut. Der Fleischkonsum nach solchen Skandalen ist einige Monate später meistens wieder auf seinem alten Niveau. Ein Skandal mit belgischen Dioxinehühnern und Schweinen, die voll gestopft waren mit krebserregenden Stoffen, besorgten schon niemand mehr schlaflose Nächte, und es gab auch nur eine kleine Verschiebung im Essverhalten.
Im Viehfutter wird Schlick aus der Kanalisation sowie Betriebs- und Schlachtabfall verarbeitet. Schlick ist der Dreck, der in Säuberungsinstallationen aus dem Kanalisationswasser gefiltert wird, bevor es wieder in den Wassergraben zurück geschüttet wird. Betriebsabfall ist ein Sammelname für Reste etwa aus Restaurants, Krankenhäusern und Grosskantinen. Schlachtabfall ist alles, was nicht verkauft werden kann. Auch die Kadaver der in den Schweineställen gestorbenen Tiere gehören dazu. Den Verbraucher stört es schon lange nicht mehr, dass er Teile dieses Gemischs in der Form eines Schnitzels oder Kotelett auf seinem Teller findet.
Die Skandale der letzten Jahre haben allerdings etwas deutlich gemacht: Während der Verbraucher sich sein billiges Schnitzel wieder schmecken ließ, hat sich die Landwirtschaft umgeformt in eine Industrie allein vom ökonomistischen Denken angetrieben. Tiere sind nur noch Maschinen, die sich den Gesetzen der industriellen Produktion unterwerfen müssen. Und wenn eine Maschine einmal produziert, muss sie 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und 52 Wochen im Jahr produzieren.
Dieses industrielle Bild der Landwirtschaft musste aber wieder aus dem Gedächtnis des Verbrauchers verschwinden. Und darum schickten viele Bauern ihre Kühe wieder nach draußen auf die Weide. Meistens sind es junge Rinder, die doch noch keine Milch produzieren. Sie stehen oftmals auf einem Stück Weide, dass der Bauer gerade gemäht hat, oder auf Boden, auf dem doch neues Gras gesät werden muss. Sind sie im Sommer doch draußen, machen sie nichts kaputt.
Wenn man genauer hinsieht, sind Kühe auf der Weide keine Reklame für die Landwirtschaft. Eine normale Kuh hat zwei Hörner auf dem Kopf, aber bei den Stallkühen sind diese verschwunden. Der Bauer findet das notwendig, da der Platz im Stall, im Gegensatz zu demjenigen auf der Weide, nicht sehr groß ist. Und viele Lebewesen auf viel zu kleinem Raum, das führt meistens zu Irritationen und dann wird untereinander schon mal ein Stoss ausgeteilt. Wenn man aber die Hörner von Kopf absägt, passieren keine größeren Unglücke. Außerdem sind die Hörner meistens im Weg, wenn die Kuh im Stall an ihr Futter reichen muss.
Anstatt Hörnern haben die Kühe jetzt gelbe Nummernschilder in ihren Ohren; diese sind notwendig, damit nicht geschummelt werden kann. Viele Bauern sind eigentlich gegen die Nummernschilder, aber sie sind verpflichtet, sie bei den Kühen anzubringen. Ohne dieses Schild kann eine Kuh oder ein Kalb nicht verkauft werden. Die Erfinder dieser Nummernschilder sagen, dass die Kuh die Schilder nicht fühlt: diese Art Piercing gegen den Willen des Tieres.
Ein Milchbauer sucht immer nach Wegen, um die Produktivität seiner Milchkühe zu erhöhen. Darum kauft er ab und zu neue Tiere, um die alten zu ersetzen. Der Preis einer Kuh wird bestimmt durch ihre Milchproduktion. Wie hoch die allerdings sein werde, muss immer erst abgewartet werden. Darum guckt ein Bauer, der eine Kuh kauft, nicht auf die Kuh, aber auf die Elterntiere. Wenn die Mutterkuh eine hohe Produktion hatte und der Stier produktive Nachkömmlinge, kann man damit rechnen, dass diese auch wieder sehr produktiv sein werden.
Die Daten der Kuh stehen jetzt auf den gelben Nummernschildern. Früher hatten Bauern einen Ausweis für jede Kuh. Darin stand alle Informationen über das Tier: alles über seine Eltern sowie ein Passfoto des Tieres. Jede Kuh hat nämlich eine eigene Zeichnung der schwarzen und weißen Flecken auf seinem Fell. Vor noch nicht allzu langer Zeit gingen Zeichner auf die Weiden, um Zeichnungen von den jungen Kälbern zu machen. So bekam jede Kuh ihr eigenes ‚Passfoto'.
Diese Form der Registrierung war jedoch nicht sicher. Es konnte ziemlich einfach geschwindelt werden. Auf dem Papier konnte ein wenig produktives Kalb schon mal ‚promovieren' zu einer hochproduktive Kuh. Mit den gelben Nummerschildern ist dies problematischer aber immer noch möglich. Es sind übrigens nicht die Kühe, die betrügen. Darum sitzen die gelben Nummernschilder auch in den verkehrten Ohren.
Wenn eine Kuh einmal alt genug ist, um Milch zu produzieren, kriegt sie eine Kette um den Hals. Daran hängt ein Apparat, der genau registriert, wie viel und wann die Kuh gefressen hat. Von Zeit zu Zeit bekommt die Kuh Appetit und dann wandelt sie zu den Futtertrögen im Stall. Diese sind mit einem zentralen Futtercomputer verbunden. über die Daten, die der Apparat an der Kette überträgt, weiß der Computer, wann die Kuh zuletzt gefressen hat und wie viel. Dann rechnet der Computer - und nicht der Bauch der Kuh - aus, ob es Zeit ist um zu fressen oder nicht. Die Rechenformel des Computers ist simpel: wie viel Mengen Futter sind nötig, um die Kuh - verständlicherweise so kostengünstig als wie möglich - Milch produzieren zu lassen.

So wurde die Kuh in eine Maschine umgewandelt, die Milch produziert.