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Mut zur Wahrheit

Wider den Meinungsterror

Helmut F. Kaplan

Ich wollte ursprünglich einen Text zur Tsunami-Katastrophe schreiben. Ich wollte sagen, daß uns dieses Unglück wieder einmal drastisch vor Augen geführt hat, wie verwundbar wir alle sind, welch schreckliches Leiden jederzeit über uns hereinbrechen kann. Diese Erfahrung, dieses Bewußtsein fehlt uns im Alltag ja. Da verdrängen wir die stets gegenwärtige Gefahr. Der Tsunami hat uns wieder einmal veranschaulicht und vergegenwärtigt, wie nahe Panik, Terror und Leiden eigentlich immer sind.

Ich wollte schreiben, daß bei solchen Katastrophen alles getan werden muß, um das Leiden der Opfer zu lindern. Und daß dies bestimmt nicht der Ort und Zeitpunkt ist, zwischen guten und schlechten Menschen zu unterscheiden, nach dem Motto: den Guten helfen wir, die Bösen lassen wir liegen.

Dazu eine kleine Geschichte: Zu Silvester diskutierten wir zuhause über den Aufruf, heuer zugunsten der Flutopfer auf den Kauf von Feuerwerkskörpern zu verzichten. Meine Tochter meinte, dies sei heuchlerisch, weil es schließlich das ganze Jahr über Katastrophen und Opfer gebe und man daher konsequenter- und moralischerweise auch das ganze Jahr über sprenden sollte. Ich entgegnete: Die reale Alternative ist doch nicht: jetzt spenden oder immer spenden, sondern: jetzt spenden oder nie spenden. Deshalb sollte man jetzt spenden.

Ich wollte Bischof Wolfgang Huber zitieren, der meiner Erinnerung nach in einem Gespräch mit Michel Friedman sagte: Wer sich jetzt bewußt für den Kauf von Feuerwerkskörpern entscheide und dies damit kommentiere, daß ihm das Leiden der Flutopfer egal sei, der offenbare eine Kaltherzigkeit, die er nicht nachvollziehen könne. Wenn ich Hubers Aussagen richtig interpretiere, hält er ein solches Verhalten auch für moralisch für höchst verwerflich.

Ich wollte schreiben, daß ich es auch kaltherzig und verwerflich finde, wenn Menschen sagen: Ich esse Fleisch, obwohl ich weiß, daß Tiere dafür leiden und sterben müssen.

Und ich wollte schließlich schreiben: Nachdem wir nun festgestellt haben, daß es sich beim Tsunami um eine fürchterliche Katastrophe handelt, deren Opfern wir uneingeschränkt und ununterschieden helfen sollten, muß aber auch folgendes gesagt werden dürfen: Unter diesen Opfern gibt es bestimmt auch kaltherzige und unmoralische Menschen. Und diese Menschen haben den MORALISCHEN Anspruch, daß ihnen geholfen wird, verwirkt – weil sie selber gegenüber fremdem Leiden gleichgültig und kaltherzig waren. Und dann wollte ich noch die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner zitieren:

„Wer gegen arme, hilflose Mitgeschöpfe, die unter ihm stehen, erbarmungslos gewesen ist, hat kein Recht, wenn er in hilflose Lage kommt, zu einem höher stehenden Wesen zu beten: Herr, erbarme dich meiner!“

All dies habe ich dann aber doch nicht näher ausgeführt, keine konkreten Zusammenhänge hergestellt, keine Schlußfolgerungen gezogen – sondern lediglich, wie eben geschehen, ein paar Assoziationen oberflächlich skizziert. Warum? Weil ich aus leidvoller Erfahrung weiß: Es gibt politisch bzw. emotional prekäre Kontexte, in denen man eine noch so richtige Position noch so rational darlegen kann, dafür aber dennoch in einem Maße verdammt und diffamiert wird, daß man es sich beim nächsten Mal eben sehr genau überlegt, ob man nicht besser schweigen sollte.

Der tatsächliche Meinungsterror ist ja meist noch schlimmer: Die Menschen verfallen bereits in eine militante Empörungshysterie, BEVOR sie die entsprechenden Texte überhaupt wirklich gelesen haben! So war es auch bei der Euthanasie-Debatte: Egal, wie sachlich, ruhig und rational man auch auf unabweisbare Fakten, Parallelen und Zusammenhänge verwies – man wurde dafür verflucht, verdammt und gekreuzigt. Hieran änderte sich selbst dann nichts, wenn man feststellte, daß sich die zu ziehenden ethischen Konsequenzen ohnehin in völligem Einklang mit der vorherrschenden und politisch korrekten Position befinden. Erlaubt war einzig und allein das feierliche, hirnlose Herunterbeten der offiziell genehmigten und abgesegneten Textbausteine.

Allein es fragt sich: Soll man sich diesem Terror der Irrationalität und Dummheit auf Dauer wirklich beugen? Soll man ewig „klugerweise“ auf die Wahrheit verzichten? Nein! Man muß die Wahrheit sagen, weil sich die Wahrheit nur so durchsetzen kann.

Und rückblickend zeigt sich ja auch, daß sich dieses Sagen der Wahrheit langfristig lohnt: Heute werden in der bioethischen Diskussion und vor allem in der biotechnischen Praxis Positionen akzeptiert oder zumindest respektiert, für die man vor zwanzig Jahren noch verteufelt wurde – z. B. daß es einen moralisch relevanten Unterschied zwischen einer befruchteten Eizelle und einem erwachsenen Menschen gibt.

Und so verhält es sich auch mit anderen Wahrheiten. Das Schächten MUß als religiöses Verbrechen, das in einem weltlichen Staat nichts verloren hat, bezeichnet werden! Und der heutige kühl kalkulierte, industrialisierte Massenmord an Tieren MUß mit den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verglichen werden!

Helmut F. Kaplan
www.tierrechte-kaplan.org/

Autor Bert Stoop

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