Ist Fisch eine gute Alternative zu Fleisch?

Dies ist ein ausführlicher Artikel. Er ist wie eine Route aufgebaut: sechs Haltestellen entlang der Hauptlinie, mit Nebenwegen für alle, die tiefer einsteigen möchten.

Wie möchten Sie lesen?
  1. 1Eine gute Alternative zu Fleisch?
  2. 2Wildfisch: es wird zu viel gefangenA · Kabeljau und Hering in der NordseeB · Beifang
  3. 3ZuchtfischC · Fisch für Fisch
  4. 4Schmerz, Angst und Stress
  5. 5Wie Fische getötet werdenD · Der Aal
  6. 6FazitE · GesundheitF · Gütesiegel

Die grüne Linie ist die Hauptlinie des Artikels. Die gelben Abzweigungen sind Nebenwege: Vertiefung, die Sie überspringen können, ohne den Faden zu verlieren. Klicken Sie auf eine Haltestelle oder einen Nebenweg, um direkt dorthin zu gelangen; mit der Zurück-Taste Ihres Browsers (vorherige Seite) kommen Sie wieder hierher zur Karte.

Haltestelle 1 von 6 · Eine gute Alternative zu Fleisch?

Fisch: eine gute Alternative zu Fleisch?

Ist Fisch eine gute Alternative zu Fleisch? Diese Frage stellen sich viele Menschen, vor allem wenn sie weniger oder gar kein Fleisch mehr essen möchten. Fisch galt lange als gesünder und umweltfreundlicher. In diesem Artikel betrachten wir die Folgen des Fischessens für Menschen, Tiere und die Umwelt. Fisch wird entweder in freier Wildbahn gefangen oder stammt aus einer Zucht. Beides hat eigene Folgen.

Weltweit wird immer mehr Fisch gegessen. Laut der FAO aß die Weltbevölkerung im Jahr 2022 durchschnittlich 20,7 Kilo Fisch und andere Wassertiere pro Person, mehr als doppelt so viel wie 1961. In Deutschland lag der Verbrauch 2024 bei 12,8 Kilo Fisch pro Kopf (Fanggewicht, vorläufige Schätzung).

Haltestelle 2 von 6 · Wildfisch: es wird zu viel gefangen

Wildfisch: es wird viel zu viel gefangen

TrawlerFischerei und Aquakultur zusammen erreichten 2022 weltweit 223 Millionen Tonnen. Zum ersten Mal stammte mehr als die Hälfte aller Wassertiere aus der Zucht. Die Zahl der einzelnen Fische, die jedes Jahr in freier Wildbahn gefangen werden, ist kaum vorstellbar: schätzungsweise 1,1 bis 2,2 Billionen. Das sind weit mehr Tiere als alle Nutztiere der Welt zusammen.

Die deutsche Hochsee- und Küstenfischerei landete 2024 gut 162 Millionen Kilo Fisch an, vor allem Hering, Blauen Wittling und Makrele. Mehr als drei Viertel davon wurden in niederländischen Häfen angelandet.

Überfischung ist ein weltweites Problem. Bereits 2003 berechneten Biologen der Dalhousie University in Kanada, dass die Bestände großer Raubfische wie Marlin, Thunfisch, Kabeljau, Heilbutt und Schwertfisch in fünfzig Jahren um 90 Prozent geschrumpft waren. Die übrigen Fische werden außerdem kleiner, weil die größten Exemplare zuerst weggefangen werden. Manche bekommen nie die Gelegenheit, sich fortzupflanzen.

Nebenweg A · Kabeljau und Hering in der Nordsee (± ½ min)

Kabeljau und Hering in der Nordsee

2003 warnten Meeresbiologen, dass der Kabeljau nach jahrelanger starker Befischung kurz davor stand, aus der Nordsee zu verschwinden. Mehr als zwanzig Jahre später hat er sich immer noch nicht erholt. Nach dem Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) liegt der Kabeljaubestand in der südlichen Nordsee unter der kritischen Grenze, wodurch die Fortpflanzung gefährdet ist. Die beiden anderen Teilbestände liegen unter dem nachhaltigen Niveau. Die Empfehlung für 2026 wurde sogar verschoben.

In der westlichen Ostsee ist der Dorschbestand so stark eingebrochen, dass die gezielte Fischerei seit 2022 verboten ist, seit 2024 auch das Angeln.

Es geht auch anders. Ende der 1970er-Jahre war der Hering fast verschwunden und erholte sich nach einem vorübergehenden Fangverbot. Auch der Scholle geht es heute gut. Das zeigt: Das Meer erholt sich, wenn der Mensch es in Ruhe lässt.

Nebenweg B · Beifang (± ½ min)

Beifang

verletzter DelfinNetze unterscheiden nicht. Für Wale, Delfine und Schweinswale sind sie oft "Mauern des Todes": Die Tiere sehen die Netze zu spät, verfangen sich und können nicht mehr zum Atmen an die Oberfläche. Schätzungsweise 300.000 Wale, Delfine und Schweinswale sterben so jedes Jahr als unbeabsichtigter Beifang. Große Treibnetze sind seit 1992 auf hoher See und seit 2002 auch in der Europäischen Union verboten, doch Stellnetze und Schleppnetze fordern weiterhin viele Opfer, auch unter Seevögeln, Haien und Schildkröten.

Haltestelle 3 von 6 · Zuchtfisch

Zuchtfisch

Seit 2022 stammt weltweit mehr Fisch aus der Zucht als aus dem Meer. In Deutschland stammten 2024 rund 16.700 Tonnen Fisch aus Aquakultur, vor allem Regenbogenforellen und Karpfen. Die Niederlande sind der größte Aalzüchter Europas. In vielen Anlagen schwimmen die Fische dicht gedrängt in Becken mit gefiltertem Wasser, ohne Boden, ohne Pflanzen und ohne Raum zum Wandern.

Der Aal zeigt, wie weit das geht. Der Europäische Aal steht seit 2008 als vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste. Aale pflanzen sich in Gefangenschaft nicht fort: Jeder Zuchtaal war zuerst ein in freier Wildbahn gefangener Glasaal. Die Aalzucht entnimmt also weiterhin Tiere einer bedrohten Art.

Nebenweg C · Fisch für Fisch (± ½ min)

Fisch für Fisch

Auch Zuchtfische müssen fressen. Lange Zeit bestand ein großer Teil des Futters aus Fischmehl und Fischöl, hergestellt aus wild gefangenen Fischen wie Sandaal, Sprotte und Sardelle. Für eine Tonne Lachs wurden früher mehr als drei Tonnen Wildfisch verarbeitet. Der Anteil an Fischmehl im Futter ist inzwischen gesunken, doch an seine Stelle ist vor allem Soja getreten. Die Fischzucht löst das Problem der leeren Meere also nur zum Teil und verlagert einen Teil davon auf die Äcker.

Fischzuchten produzieren außerdem Gülle. Untersuchungen in Norwegen zeigten schon früh, dass Lachsfarmen in offenen Netzgehegen eine große Quelle von Phosphat und Stickstoff sind. Hinzu kommen Krankheiten und Lachsläuse, die sich auch auf wilde Lachse ausbreiten.

Haltestelle 4 von 6 · Schmerz, Angst und Stress

Schmerz, Angst und Stress bei Fischen

Können Fische Schmerz, Angst und Stress empfinden? Diese Frage bestimmt zu einem großen Teil, wie wir mit Fischen umgehen. Schmerz ist eine subjektive Erfahrung und lässt sich bei keinem Tier zweifelsfrei beweisen, auch nicht bei einem Hund. Man kann jedoch plausibel machen, dass ein Tier Schmerz empfindet. Dafür werden drei Kriterien verwendet:

  1. es gibt anatomische und physiologische Übereinstimmungen mit dem Menschen;
  2. das Tier meidet Reize, die unangenehm sind;
  3. Schmerzmittel haben eine nachweisbare Wirkung.

Fische erfüllen alle drei. 2003 wiesen Forscher in Schottland nach, dass Forellen Schmerzrezeptoren haben. Forellen, denen Bienengift oder Essigsäure in die Lippen gespritzt wurde, verhielten sich anders: Sie rieben ihre Lippen am Boden und fraßen weniger. Seitdem ist die Beweislage nur stärker geworden. 2024 unterzeichneten Hunderte von Wissenschaftlern die New York Declaration on Animal Consciousness, in der steht, dass bewusstes Erleben bei Fischen eine realistische Möglichkeit ist, die wir berücksichtigen müssen.

Das deutsche Recht erkennt das an: Fische sind als Wirbeltiere durch das Tierschutzgesetz geschützt. Ein Wirbeltier darf nur unter Betäubung getötet werden (§ 4 TierSchG).

Für Animal Freedom sind diese Beweise willkommen, aber nicht entscheidend. Auch ein Fisch hat ein Recht auf Freiheit und muss das nicht erst beweisen.

Haltestelle 5 von 6 · Wie Fische getötet werden

Wie Fische getötet werden

Die Art, wie Fische getötet werden, bestimmt zu einem großen Teil, wie sehr sie leiden. Die europäische Schlachtverordnung schreibt für Fische nur vor, dass vermeidbare Schmerzen erspart werden müssen. Deutschland geht weiter: Nach der Tierschlachtverordnung muss jeder Fisch unmittelbar vor dem Schlachten oder Töten betäubt werden, etwa durch Strom oder einen Schlag auf den Kopf. Ausnahmen gelten für Plattfische und für Aale in kleiner Zahl. Die größte Ausnahme betrifft den Massenfang: Wo eine Betäubung nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand möglich ist, gilt die Verordnung nicht. Für die Milliarden Fische, die auf Fangschiffen sterben, gibt es also auch in Deutschland keinen Schutz. In den Niederlanden gilt eine Betäubungspflicht seit 2018 nur für Zuchtaal. Im Folgenden die wichtigsten Tötungsmethoden.

Ersticken

Anders als viele Menschen denken, stirbt ein Fisch an der Luft nicht schnell. Heringe sind erst nach etwa 35 Minuten erstickt, Kabeljau und Wittling nach einer Stunde. Seezunge und Scholle brauchen noch länger: Sie sind erst nach etwa vier Stunden tot.

Lebend ausnehmen

Beim Ausnehmen wird der Fisch lebend aufgeschnitten, um Eingeweide und Blut zu entfernen. Der Fisch ist dadurch nicht sofort tot. Heringe, Seezungen und Klieschen können danach noch 10, 30 und 35 Minuten leben, Schollen bis zu 50 Minuten. Oft lässt man die Fische zuerst 7 bis 20 Minuten an der Luft ersticken und nimmt sie danach lebend aus. Das geschieht vor allem beim Massenfang auf See.

Nebenweg D · Der Aal (± ½ min)

Der Aal

Beim Nackenschnitt bekommt der Aal einen Schnitt hinter dem Kopf, der das Rückenmark durchtrennt. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns bleibt erhalten. Wird das Tier danach aufgeschnitten, geschieht das möglicherweise bei Bewusstsein. In Deutschland ist ein Stich hinter dem Kopf ohne Betäubung nur bei höchstens 30 Aalen pro Tag erlaubt.

Noch schlimmer war das Salzbad: Über den lebenden Aal wurde Salz gestreut, um die Schleimschicht zu entfernen. Das Salz wirkt auf der Haut wie Verbrennungen und schädigt die Kiemen. Der Aal macht lange heftige Bewegungen, um ihm zu entkommen. In Deutschland ist das nicht erlaubt: Aale müssen vor dem Entschleimen betäubt werden. Stoffe wie Ammoniak, die zugleich entschleimen, sind als Betäubungsmittel ausgeschlossen. Auch in den Niederlanden ist die Methode inzwischen verboten. Trotzdem stellte sich dort 2020 heraus, dass ein Teil der Aalzüchter die Tiere noch immer ohne Betäubung schlachtete.

Manchmal werden Fische nicht einmal getötet. Beim Finning wurden die Flossen abgeschnitten und der lebende Hai zurück ins Meer geworfen. Seit 2013 müssen Haie in der Europäischen Union mit anhaftenden Flossen angelandet werden, doch weltweit geht diese Praxis weiter.

Haltestelle 6 von 6 · Fazit

Fazit

Ist Fisch eine gute Alternative zu Fleisch? Für die Umwelt ist Fisch oft etwas weniger belastend als Fleisch, weil Fische ihren Körper nicht warm halten müssen und weniger Futter brauchen. Doch damit endet der Vorteil. Es wird weit mehr Fisch gefangen, als das Meer verkraften kann. Zuchtfische leben ohne Freiheit und sind zum Teil von Wildfisch und Soja abhängig. Und Fische empfinden Schmerz, während sie beim Fangen und Töten weniger Schutz bekommen als jedes andere Tier.

Wem Tiere am Herzen liegen, der hat an Fisch keine gute Alternative zu Fleisch. Eine pflanzliche Alternative liegt näher. Die Omega-3-Fettsäuren, für die Fisch bekannt ist, bilden Fische nicht selbst: Sie nehmen sie über Algen auf. Algenöl ist deshalb eine gute Quelle ohne Fisch.

Nebenweg E · Gesundheit (± ½ min)

Gesundheit

Fetter Fisch wie Hering, Makrele, Sardine und Lachs ist für die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA bekannt. Diese sind gut für Herz und Blutgefäße. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt daher ein- bis zweimal Fisch pro Woche. Fisch enthält aber auch unerwünschte Stoffe. Vor allem PFAS kommen in Fisch relativ häufig vor. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nennt Fisch als eine der wichtigsten Quellen dafür. 2020 riet das niedersächsische Ernährungsministerium vorsorglich davon ab, Fisch aus Flüssen wie Elbe, Ems und Oste zu essen. Wer keinen Fisch isst, kann Omega-3 aus Algenöl, Leinsamen und Walnüssen beziehen.

Nebenweg F · Gütesiegel (± ½ min)

Gütesiegel

Auf Fischprodukten müssen die Fischart, die Herkunft und die Angabe stehen, ob der Fisch wild gefangen oder gezüchtet wurde. Gütesiegel sagen etwas über die Fischerei oder die Zucht aus, aber wenig über das Wohl des Fisches selbst.

  • MSC (Marine Stewardship Council): für wild gefangenen Fisch aus einer Fischerei, die den Bestand nicht erschöpft. 1997 vom WWF und von Unilever gegründet, seit 1999 unabhängig.
  • ASC (Aquaculture Stewardship Council): seit 2010 das Gegenstück zum MSC für Zuchtfisch.
  • EU-Bio: für ökologisch gezüchteten Fisch, mit weniger Fischen pro Kubikmeter und Biofutter.
  • Delfinfreundlich: ein Label der Fischerei selbst für Thunfisch, der gefangen wird, ohne dass Delfine in die Netze geraten. Es ist kein offizielles Gütesiegel.

Ende der Route

Weitere Informationen

Mehr über die Folgen des Fleischkonsums für Tiere, Umwelt, Klima und Welternährung lesen Sie unter Fleisch essen: Fakten und Zahlen.

Mehr über das Angeln lesen Sie auf Not on the hook (englisch).

Quellen: FAO, The State of World Fisheries and Aquaculture 2024; Fisch-Informationszentrum (Fischkonsum 2024); BLE, Anlandestatistik 2024; Destatis (Aquakultur 2024); ICES-Empfehlungen 2025 und 2026; Thünen-Institut, fischbestaende-online.de (Dorsch westliche Ostsee); fishcount.org.uk (Zahl gefangener Fische); Myers und Worm, Nature (2003); Sneddon u. a., Proceedings of the Royal Society (2003); New York Declaration on Animal Consciousness (2024); Tierschutzgesetz (§ 4); Tierschlachtverordnung (§§ 1, 12 und Anlage 1); Verordnung (EG) Nr. 1099/2009; Vissenbescherming (Betäubung von Zuchtaal in den Niederlanden, 2020); DGE (2024); EFSA (PFAS, 2020); Niedersächsisches Landwirtschaftsministerium (2020).

Dieser Artikel beruht auf einem Artikel von René Houkema (2003) und wurde 2026 neu geschrieben und aktualisiert.