Respekt gegenüber Tieren, wie sieht das in der Praxis aus?

Im englischen “Longman Dictionary of Contemporay English” wird Respekt unter anderem definiert als "to be careful not to do anything against someone’s wishes". In dem holländischen Wörterbuch “van Dale” steht bei respektieren u.a: jemanden ernst nehmen, achten. Das klingt so leicht: jemanden achten; für Tiere gelte außerdem, daß sie einen inneren, wesenseigenen Wert haben („intrinsischer Wert“). – Was bedeutet es nun, den inneren Wert eines Tieres zu respektieren, wie können wir die Wünsche der Tiere überhaupt kennen? Wenn Sie 100 Leute fragen, ob sie Respekt vor Tieren haben, werden alle dies bejahen. Fragen Sie dieselben Menschen nach ihrer Definition von Respekt, so werden Sie ungefähr das hören, was auch in den Wörterbüchern geschrieben steht. Wenn Sie jedoch 100 Situationen beschreiben, in denen Tiere benutzt werden, dann werden Sie viel weniger übereinstimmende Ansichten finden, ob das Tier dabei auch Respekt erfahren habe.

     

Ist zum Beispiel das Kappen von Hühnerschnäbeln, um die Folgen der aggressiven Hackordnung zu vermindern, ein Zeichen fehlenden Respekts gegenüber Hühnern? Es ist ein Angriff der Integrität des Tieres, aber ein schlimmer! Oder was ist das Abschneiden von Schweinekringeln, nur auf daß die Schweine sich die Kringel – aus Streß oder Hunger? – nicht gegenseitig abbeißen?
Der Begriff Respekt wird leicht verwendet, ist aber noch keineswegs Leitfaden vieler Menschen geworden, um zu einheitlichen Umgangsformen zu kommen.
Daher der Vorschlag zu einer Definition: Respekt bedeutet, das Gleichgewicht zu finden zwischen Engagement und Abstand-halten. – Wie auch in der allgemeinen Etikette geht es darum, Interesse für den anderen zu zeigen, ihm aber nicht zu nahe zu treten.

Respekt hat also viel zu tun mit sich in Acht nehmen vor den Grenzen der eigenen Freiheit und der des anderen. Gib anderen, also auch Tieren genug Raum um sich selbst zu sein. Im Falle der Landwirtschafts(haus)tiere: gib Tieren die Umgebung, in der sie sich auch noch ihrer Natur gemäß verhalten können. Gib dem Tier genug Raum zum weiden, dann brauchen keine Schnäbel oder Schwänze abgeschnitten zu werden.

     

Der Kern von Freiheit

In den – ersten 17 holländischen –  wichtigsten Artikeln unseres Grundgesetzes, in allen klassischen Grundgesetzen steht geschrieben: gleiches Recht auf Freiheit für alle Menschen. Und das Recht fordern wir auch ein. Wer sich nun vorstellen mag, daß auch dem Tier Rechte gegeben werden, urteilt auch bald, daß dies durchaus möglich sei. Wir brauchen das Tier nur frei zu lassen, oder zumindest dessen Unfreiheit etwas zu verkleinern. Wenn das Tier nicht auf eine natürliche und freie Weise leben darf, dann ist das, auch trotz guter Versorgung, eine Form von Mißhandlung. Daß Zuchtschweine monatelang an einer viel zu kurzen Kette gehalten werden, ist nur Ein Beispiel. – In Artikel 15 des holländischen Grundgesetzes steht, daß Niemandem seine Freiheit genommen werden darf. Welches Verbrechen hat also das Mastschwein begangen, daß es sein Leben mit zu vielen Tieren in einem zu engen Raum fristen muß? – Genau wie bei Menschen führt dies zu Langeweile und Aggression.
Ein weiteres Beispiel: Artikel 11 des holländischen GG beschreibt das Recht auf körperliche Integrität. Ist körperliche Integrität gewahrt, wenn einem Schwein ohne Betäubung Zähne gezogen oder geschliffen werden oder es kastriert wird? Eine total funktionalistische Handlung ist dann das Trennen des Kalbs von der Mutterkuh sofort nach der Geburt. Die Funktion: Kalb soll auslösen Milchproduktion bei der Mutter. Danach wird es so schnell als möglich geschlachtet.
Genau wie die Grundrechte der Menschen sollten auch die Grundrechte der Tiere zwei Rechte sichern: Freiheit und Gleichheit aller. Daß das Verhalten des Tieres noch stärker determiniert als denn freie Wahl ist, bedeutet keine Verminderung des Anspruches auf Rechte.